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02.05.2026

«Koordination nützt allen, der Aufwand hingegen bleibt häufig an einer Organisation hängen»

Miriam Hagmann ist bei der Spitex Sarganserland für das Qualitätsmanagement und die Fallkoordination zuständig. An der diesjährigen Delegiertenversammlung des Spitex Verbands SG|AR|AI  betonte die diplomierte Pflegefachfrau und Betriebswirtschafterin in ihrem Fachreferat die Wichtigkeit guter Koordination für eine sichere und tragfähige Versorgung zu Hause.

Text: Eva Zwahlen

 

Mich fasziniert an meiner Arbeit zweierlei: die Pflege selbst und die organisatorischen sowie wirtschaftlichen Mechanismen im Hintergrund. Im Alltag bewege ich mich zwischen direkter Versorgung und übergeordneten Aufgaben. Als dipl. Pflegefachfrau übernehme ich Fallführung, Tagesverantwortung, Einsatzplanung und Pflegetouren. Im Qualitätsmanagement befasse ich mich mit dem CIRS-Meldesystem, mit Fehlermanagement sowie mit Standards und Leitfäden.

Überdies übernehme ich bei komplexen Fällen und bei Bedarf auch die Fallkoordination. Dort werde ich beigezogen, wenn eine Situation den Rahmen des «normalen Pflegealltags» sprengt. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn intern keine klare Zuordnung möglich ist, wenn zusätzliche Ressourcen, ein erweitertes Netzwerk oder eine andere Perspektive gebraucht werden. Auch die Sicherheit der fallverantwortlichen Mitarbeitenden spielt eine wichtige Rolle. Nicht jede komplexe Situation lässt sich einem unserer Spezialgebiete wie Palliative Care, Wundversorgung, Kinästhetik oder Psychiatrie zuordnen. Dann unterstütze ich mit Zeit, Übersicht und einem vertieften Verständnis für die verschiedenen Akteurinnen und Akteure im Gesundheits- und Sozialwesen.

 

Zunehmende Komplexität im Alltag

Unser Schweizer Gesundheits- und Sozialwesen ist in vielerlei Hinsicht ein internationaler Spitzenreiter: hohe Qualität, niederschwellige Zugänge zu den Angeboten und ein umfassendes Leistungsangebot. Gleichzeitig erlebe ich es oft als Flickenteppich: Viele Regulierer, Finanzierer, Leistungserbringende und Leistungsempfangende wirken nebeneinander, oft mit überlappenden Zuständigkeiten. Das führt zu Doppelspurigkeiten, zu unnötigem Ressourcenverbrauch und zu potenziellen Versorgungslücken. Für unsere Klientinnen und Klienten ist dieses System häufig schwer durchschaubar. Hinzu kommt: Die Menschen, die wir begleiten, sind heute oft hochaltrig, multimorbid und mehrfach belastet – gesundheitlich, psychisch, sozial und nicht selten auch finanziell. In solchen Situationen reicht pflegerisches Handeln allein nicht aus. Es braucht jemanden, der sich einliest, Zusammenhänge erkennt, den Lead übernimmt und das Netzwerk ordnet.

Meine Arbeit in der Fallkoordination umfasst telefonische Beratung, Fallsupervision, Begleitungen im Einsatz, Abklärungen, Organisation, Koordination, Logistik und Nachsorge – immer in enger Zusammenarbeit mit den Fallführenden und deren Teamleitung. Besonders herausfordernd sind Situationen mit Verwahrlosung, Suchtthematiken, psychischen Belastungen, Einsamkeit oder fehlender sozialer Unterstützung. Gerade hier zeigt sich: Gute Versorgung zu Hause ist immer Teamarbeit – aber nur, wenn sie auch aktiv koordiniert wird.

 

Koordination sichtbar machen

Ein zentrales Problem ist die Finanzierung. Koordination nützt allen: Sie verbessert Qualität, verhindert Versorgungslücken, senkt Folgekosten und entlastet die beteiligten Akteure. Der Aufwand bleibt jedoch häufig an einer einzelnen Organisation hängen. Für mich als Betriebswirtschafterin ist das eine Art «Kollektivgut-Dilemma». Solange Koordinationsleistungen im Tarifsystem zu wenig sichtbar sind, fehlen Anreize, sie in dem nötigen Mass zu erbringen. Für die Zukunft ist das entscheidend. Wir werden im Spitex-Setting noch deutlich mehr Koordinationsleistungen übernehmen müssen. Der demografische Wandel, die Ambulantisierung, der Fachkräfte- und Hausärztemangel, zunehmende Komplexität und fehlende informelle Helfende verstärken diesen Trend. Deshalb muss sich die Spitex als zentrale Akteurin der Gesundheitsversorgung zu Hause klar positionieren.

Ich bin überzeugt: Die Versorgung zu Hause wird künftig hybrider, vernetzter und interprofessioneller sein. Technische Lösungen können dabei helfen, Informationen ohne Brüche weiterzugeben und Prozesse effizienter zu gestalten. Entscheidend bleibt jedoch, dass die Spitex in diesen Versorgungsstrukturen eine koordinierende Schlüsselrolle einnimmt. Denn gute Pflege zu Hause braucht mehr als Fachwissen – sie braucht Orientierung, Vernetzung und Verantwortung.

 

Miriam Hagmann, Fallkoordination und Qualitätsmanagement Spitex Sarganserland

https://www.spitexsarganserland.ch/de/

 

Weitere Beiträge zur «Care@Home Ostschweiz 2040» finden Sie hier.

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