Skip to main content

«Die ‘Zeitvorsorge’ ergänzt die Spitex dort, wo menschliche Zuwendung und soziale Teilhabe besonders wichtig sind»

Bei der Stiftung Zeitvorsorge in St. Gallen unterstützen Menschen ältere, hilfsbedürftige Personen im Alltag – und erhalten im Gegenzug Zeitgutschriften, die sie später einlösen können. Der Spitex-Verband SG|AR|AI ist Gründungsmitglied der Stiftung. Im Interview schildert die Spitex-Präsidentin Elisabeth Warzinek unter anderem, weshalb die Stiftung für sie Ausdruck einer solidarischen Gesellschaft ist und welches Potenzial sie in der Zusammenarbeit der beiden Organisationen sieht.

Text: Eva Zwahlen

 

Der Spitex-Verband SG|AR|AI war an der Gründung der Stiftung Zeitvorsorge beteiligt. Weshalb war es für den Verband wichtig, sich von Anfang an zu engagieren?

Dem Spitex Verband SG|AR|AI ist es wichtig, dass eine gute Versorgung zu Hause mehr umfasst als Pflege und medizinisch notwendige Leistungen. Die Spitex-Mitarbeitenden erleben täglich, wie wichtig ein stabiles soziales Umfeld für das Wohlbefinden und die Selbstständigkeit der Menschen ist. Gleichzeitig können sie diese sozialen Bedürfnisse im Rahmen ihrer professionellen Aufträge nur bedingt abdecken, da die verfügbaren Ressourcen nur begrenzt sind.

Dem Verband war es deshalb wichtig, mit der Zeitvorsorge eine weitere tragfähige Säule der Gesundheitsversorgung mit aufzubauen. Sie soll die professionellen Anbieter sinnvoll ergänzen, Versorgungslücken schliessen und dazu beitragen, dass ältere Menschen möglichst lange selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben können.

 

Die Spitex unterstützt Menschen dabei, möglichst lange selbstbestimmt zu Hause zu leben. Was kann die Zeitvorsorge leisten, was die Spitex nicht oder nur begrenzt leisten kann?

Die Spitex erbringt vor allem Leistungen im Bereich der Pflege und bei gesundheitlichen Einschränkungen.  Sie fokussieren sich dabei auf das gesundheitliche Wohlbefinden beziehungsweise die Krankheiten des pflegebedürftigen Menschen zu Hause. Da in den letzten Jahren die Multimorbidität der Klientinnen und Klienten erheblich zugenommen hat, müssen sich die Pflegefachpersonen im Zeitmanagement auf ihre Kernaufgaben konzentrieren. Erschwerend kommt ein erheblicher Mangel an Pflegepersonal dazu. 

Die Zeitvorsorge ersetzt die Spitex nicht, sondern ergänzt sie dort, wo menschliche Zuwendung, soziale Teilhabe und zwischenmenschliche Beziehungen besonders wichtig sind. Beide Angebote verfolgen ein gemeinsames Ziel: Menschen ein möglichst selbstbestimmtes Leben in ihrem vertrauten Zuhause zu ermöglichen.

 

Spitex-Mitarbeitende erhalten bei ihren Einsätzen einen unmittelbaren Einblick in die Lebenssituation ihrer Klientinnen und Klienten. Wo erkennen sie Bedürfnisse, bei denen Zeitvorsorgende besonders wertvoll sein können?

Unsere Mitarbeitenden erleben bei diesen Einsätzen nebst den gesundheitlichen Herausforderungen auch das familiäre und soziale Umfeld. Allenfalls sind die Angehörigen sehr stark beansprucht und können durch zusätzliche Unterstützung entlastet werden. Sie erkennen aber auch rasch Situationen der Vereinsamung oder Verwahrlosung. Zeitvorsorgende können also da wertvoll werden, wo es um regelmässige Begegnungen, gemeinsame Erlebnisse oder die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben geht, sie können durch ihr Dasein Angehörige entlasten und Unterstützung im gesamten Umfeld der Klientin, des Klienten leisten.

 

Wo liegt die Grenze zwischen professionellen Leistungen der Spitex und dem freiwilligen Engagement der Zeitvorsorgenden – und weshalb ist diese Abgrenzung wichtig?

Die Grenze liegt in der Art der Aufgabe und in der dafür erforderlichen fachlichen Qualifikation. Die Spitex übernimmt professionelle Pflege und vereinbarte Betreuungsleistungen. Dazu gehören beispielsweise die fachgerechte Durchführung von Pflegeinterventionen, die Beobachtung des Gesundheitszustands und der professionelle Umgang mit gesundheitlichen Risiken. Zeitvorsorgende leisten freiwillige Unterstützung im Alltag. Sie schenken Zeit, hören zu, begleiten bei Spaziergängen oder Terminen und ermöglichen soziale Kontakte. Sie übernehmen jedoch keine pflegerischen Aufgaben und keine Tätigkeiten, für die eine entsprechende fachliche Qualifikation erforderlich ist.

Diese Abgrenzung ist zentral, weil sie die Sicherheit der unterstützten Menschen gewährleistet und die Zeitvorsorgenden vor Überforderung schützt. Freiwilliges Engagement darf nicht dazu führen, dass professionelle Leistungen ersetzt oder notwendige Pflegeaufgaben auf Menschen ohne entsprechende Ausbildung übertragen werden. Gleichzeitig braucht es eine gute Zusammenarbeit und klare Absprachen zwischen den Beteiligten. So können beide Angebote ihre jeweiligen Stärken einbringen. Die Zeitvorsorge ist eine Ergänzung zur professionellen Versorgung.

 

Die Zeitvorsorge basiert auf Gegenseitigkeit: Wer heute Zeit schenkt, kann später selbst Unterstützung beziehen. Was überzeugt Sie persönlich an diesem Prinzip? Und wie stellt die Stiftung sicher, dass die Stunden nicht verfallen?

Für mich ist die Zeitvorsorge Ausdruck einer solidarischen Gesellschaft: Wir übernehmen für einander Verantwortung, ohne dass diese Unterstützung ausschliesslich von Angehörigen oder professionellen Institutionen getragen werden muss. Mich überzeugt, dass sie Solidarität nicht als Einbahnstrasse versteht. Menschen, die heute Zeit und Unterstützung schenken, können damit auch für sich selbst eine Möglichkeit schaffen, später Unterstützung zu erhalten.

Im Vergleich zu anderen Modellen sorgt die Zeitvorsorge dafür, dass die Unterstützung auch finanziell – durch Rücklagen bei den Gemeinden – abgesichert wird. Solle es einmal keine engagierten Freiwilligen mehr geben, wird so sichergestellt, dass ich als Geberin später trotzdem auf Unterstützung zurückgreifen kann, die dann durch professionelle Anbietende geleistet und aus den gesicherten Geldern finanziert werden.

 

Mit dem demografischen Wandel steigt der Unterstützungsbedarf, gleichzeitig werden Fachkräfte knapper. Welche Rolle können Modelle wie die Zeitvorsorge künftig in der Versorgung älterer Menschen spielen?

Die Zahl älterer Menschen und damit der Unterstützungsbedarf nehmen zu, während gleichzeitig qualifizierte Fachkräfte knapper werden. Diese Entwicklung verlangt, dass wir die Versorgung zu Hause künftig noch stärker als gemeinsame Aufgabe von Gesundheitswesen, Sozialbereich, Angehörigen, Freiwilligen und Gemeinden verstehen. Die integrierte Versorgung und ein enges funktionierendes Netzwerk ist dafür der Schlüssel. Modelle wie die Zeitvorsorge können dabei eine wichtige Rolle spielen. Sie stärken soziale Netze, fördern die Selbstständigkeit älterer Menschen und können dazu beitragen, Einsamkeit und soziale Isolation zu vermindern. Sie ermöglichen Unterstützung im Alltag, die professionelle Dienste allein nicht in diesem Umfang leisten können.

Ich sehe deshalb grosses Potenzial in einer verbindlichen Zusammenarbeit zwischen Spitex, Zeitvorsorge, Gemeinden und weiteren Akteuren. Im Kanton St. Gallen sollten wir solche Kooperationen gezielt fördern und als festen Teil einer integrierten Versorgung zu Hause verstehen.

 

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Was wünschen Sie sich für die Zeitvorsorge in zehn Jahren?

Die Zukunft liegt nicht darin, dass jede Organisation alles selbst übernimmt, sondern darin, dass die verschiedenen Angebote gut aufeinander abgestimmt sind und ihre jeweiligen Stärken einbringen. Und ich wünsche mir, dass die Zeitvorsorge auch künftig ihren ursprünglichen Gedanken bewahrt: Menschen schenken einander Zeit, weil sie für einander da sein wollen – nicht nur aus Pflichtgefühl, sondern aus Überzeugung. Ich wünsche mir, dass die Zeitvorsorge in zehn Jahren selbstverständlich zur Versorgung und Unterstützung der älteren Menschen gehört, in der Bevölkerung breit bekannt und in möglichst vielen Gemeinden im Kanton St. Gallen und auch darüber hinaus etabliert ist. Entscheidend dabei ist nicht allein die Zahl der geleisteten Stunden, sondern, dass tragfähige Beziehungen entstehen und Menschen auch im Alter am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

 

https://www.zeitvorsorge.ch
 

Weitere Beiträge zur «Care@Home Ostschweiz 2040» finden Sie hier.

Zurück
Teilen
Download more variants from https://tabler-icons.io/i/brand-facebook Download more variants from https://tabler-icons.io/i/arrow-big-up-line Download more variants from https://tabler-icons.io/i/brand-linkedin Download more variants from https://tabler-icons.io/i/share Download more variants from https://tabler-icons.io/i/search Download more variants from https://tabler-icons.io/i/chevron-left